Ironman Hamburg

Meine erste Langdistanz

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Die Vorbereitung

Vor gut einem Jahr fällt die Entscheidung: Ich will 2019 auf die Langdistanz. Der Ironman Hamburg soll es sein. Einerseits wegen der sehr flachen Rad- und Laufstrecke -bei der ersten Langdistanz brauche ich schließlich nicht noch zusätzliche Schwierigkeiten- andererseits, weil der Termin Ende Juli perfekt in die Jahresplanung passt. Sven ist von meiner Wahl auch angetan und so melden wir uns beide -natürlich nach vorheriger Rücksprache mit unserem Trainer- beim Ironman Hamburg an.
Warum muss es auf einmal die Langdistanz sein? Den Traum, dies irgendwann auch einmal bewältigen zu können, habe ich bereits seit 2016. Damals waren wir zum ersten Mal als Besucher bei der Challenge Roth und waren dabei als Jan Frodeno in neuer Weltbestzeit ins Rother Stadion einlief. Faszinierend! Was mich aber besonders beeindruckt, sind die Finisher, die später im Dunklen die Ziellinie erreichen. Keine austrainierten Athleten, sondern irgendwie Normalos. Naja, ganz normal waren die ja auch nicht… aber wenn die das schaffen, könnte ich das dann vielleicht irgendwann auch? Zu dem Zeitpunkt lag allerdings selbst meine erste Mitteldistanz noch in weiter Ferne.

Im Juli 2018, zwei Jahre später, sieht die Sache schon anders aus. Inzwischen liegen zwei Mitteldistanzen hinter mir. Die Anzahl meiner Marathons ist auf 5 angewachsen und vor Kurzem bin ich als Staffelradfahrer auf den 180km (naja, genau genommen 178km) der Challenge Roth unterwegs gewesen. Beim Schwimmen fühle ich mich sowieso sicher. Was bleibt also übrig, als es einfach zu versuchen?

Und so starte ich im Dezember 2018 in mein Training für den Ironman Hamburg.

Der Winter läuft ab, wie auch in der Vorbereitung auf eine Mitteldistanz. Viel Zeit wird im Keller auf der Rolle verbracht, wo Zwift eine willkommene Neuerung für uns ist, oft muss man bei kühlem Nieselwetter vor die Haustür zum Laufen und es wird wieder in eine Punktekarte fürs Hallenbad investiert.
Im März geht es für uns zum allerersten Mal in ein Trainingslager nach Zypern, das praktischerweise von unserem Trainer geleitet wird. Diese Maßnahme ist goldrichtig gewählt, denn erstens haben wir wirklich jede Menge Spaß und zweitens gehen wir beide mit vielen Kilometern und Höhenmetern in den Radbeinen und so auch einem super Gefühl nach Hause.
Im Winter und Frühjahr sind auch einige Laufwettbewerbe Teil der Vorbereitung. Direkt nach dem Trainingslager im März laufen wir dann als erstes Saisonhighlight den New York City Halbmarathon und einen Monat später dann noch den Boston Marathon, um unseren Six Star Finisher abzuschließen. Hierzu möchte ich erwähnen, dass unser Trainer nicht begeistert von dem Plan war, einen Frühjahrsmarathon einzuschieben. Im Nachhinein gebe ich ihm da völlig recht, trotzdem würde ich es genau so wieder machen, weil es eben Boston und unser letzter fehlender Major war. In Zukunft werden wir aber einen Marathon im Frühjahr bei einer geplanten Langdistanz im Sommer vermeiden. Der Trainingsaufbau für das eine fördert nicht das andere, sondern steht sich eher gegenseitig im Weg.

Unsere Generalprobe für Hamburg findet Anfang Juni beim Ironman 70.3 Kraichgau statt und bei der Challenge Roth Anfang Juli darf ich mich erstmals auf den 3,8km Schwimmen versuchen, während Sven diesmal als Staffelradfahrer fungiert.
Die letzten sechs Wochen Training sind für mich ziemlich hart. Ich bin mir nicht sicher, ob es daran liegt, dass die Vorbereitung mit acht Monaten vielleicht doch zu lange war oder ob die letzten Wochen aufgrund der dauernden Müdigkeit durch die sehr langen und intensiven Einheiten einfach grundsätzlich so sind. Jedenfalls denke ich die letzten Wochen vor dem Ironman Hamburg oft, dass es jetzt wirklich reicht und der längste Tag des Jahres nun endlich mal da sein dürfte.

Die letzten Wochen sind aber auch sehr wichtig, denn erst jetzt beschäftige ich mich auch mental mit dem Renntag. Ich gehe viele Möglichkeiten des Rennverlaufs und auch Probleme, die vor oder während des Rennens auftreten können, in Gedanken durch und finde Wege, damit erstmal gedanklich klarzukommen. Wie reagiere ich bei einer Panne, wie motiviere ich mich, zu finishen, falls das Schwimmen wie im Vorjahr abgesagt wird, usw.
Seit dem Boston Marathon, der für mich ein sehr schwieriges Unterfangen war, habe ich außerdem mit einer kleinen mentalen Laufblockade zu tun. Diese versuche ich zu guter letzt auch noch in den Griff zu bekommen. Ein Besuch bei einem Vortrag von Arne Gabius hilft mir dabei sehr, besonders ein Ratschlag, den er mir in der anschließenden Fragerunde gibt: „Make it count!“ Hol dir ab, was du dir im Training erarbeitet hast und sammle Kilometer für Kilometer ein, wenn es schwierig wird.
Ob das alles dann hilft wird sich im Rennen zeigen…

 

Hamburg

Am Donnerstag in der Rennwoche fahren wir im vollbepackten Auto nach Hamburg. Zuvor wurde knapp zwei Wochen getapert und wir haben uns gut erholt. Den Stress kurz vor dem Rennen niedrig zu halten ist diesmal auch relativ gut gelungen. Nach unserer Ankunft im offiziellen Race Hotel machen wir uns direkt auf den Weg zur Expo, um die Startunterlagen abzuholen. Dann ist der Punkt schonmal erledigt. Danach schlendern wir noch kurz über die Expo und plaudern noch mit einigen Bekannten.
Das Thema ‚Blaualgen‘ kommt dabei natürlich auch zur Sprache. Im Vorjahr musste ja das Schwimmen wegen einer zu hohen Konzentration der giftigen Blaualgen abgesagt werden und auch dieses Jahr hängt das Damoklesschwert über der Veranstaltung… jedenfalls wenn man einigen Medien und ihrer Berichterstattung glauben schenken darf. Ich hatte natürlich wie immer vor solch großen Rennen schon zwei Wochen vorher begonnen, den Wetterbericht täglich zu prüfen und diesmal auch eben diese Blaualgenkonzentration. Dreimal täglich werden hierfür Daten veröffentlicht und keine dieser Zahlen entging mir. Laut der Messwerte war die Anzahl der Blaualgen trotz der Hitze in den letzten Tagen vor unserer Ankunft sogar gesunken und an diesem Donnerstag weit weg von irgendwelchen Grenzwerten. So sind sich alle Gesprächspartner einig, dass das Schwimmen in diesem Jahr bestimmt stattfindet und es gibt sogar schon Gerüchte, dass dies längst beschlossene Sache ist. Eine offizielle Auskunft gibt es jedoch erst bei der Wettkampfbesprechung am Freitag. Wir sind aber optimistisch und nach einem kleinen Abendessen geht es zurück ins Hotel und früh ins Bett.

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Der Freitag beginnt mit einem sehr guten Frühstück und anschließendem Test unserer Zeitfahrräder. Nach dem Transport wollen wir sichergehen, dass alle Gänge reibungslos schalten, die Bremsen greifen und auch sonst alles passt. Nach ca. 15 Minuten ist das erledigt und wir sind wieder in unserem Hotelzimmer. Wir wollen vor dem Rennen so viel Ruhe wie möglich und versuchen, zu viel Bewegung zu vermeiden. So nutzen wir auch für alle Wege -zum Beispiel für den zum Racebriefing am Nachmittag- die E-Scooter, die inzwischen auch in Hamburg überall zur Verfügung stehen.
Bei der Wettkampfbesprechung bekommen wir gleich zu Anfang die erlösende Nachricht: Das Schwimmen findet statt! Ob mit oder ohne Neo, erfahren wir erst eine Stunde vor Rennbeginn. Aber das ist uns im Moment völlig egal. Es wird ein richtiger Ironman, nur das zählt!
Dann wird noch auf ein paar kritische Punkte auf der Radstrecke hingewiesen, die Bedeutung der gelben, roten und blauen Karten und wie man sich diese einhandelt nochmals erwähnt und dann ist es auch schon wieder geschafft. Nach netten Unterhaltungen mit ein paar Bekannten geht es auf den Scootern wieder zurück ins Hotel. Um den Samstag etwas entspannter zu gestalten, suchen wir schonmal das Meiste für die Wechselbeutel zusammen. Mehr passiert an dem Tag dann aber auch nicht mehr. Wir wollen uns ja schließlich schonen!

Am Samstag Morgen begeben wir uns an die Binnenalster zum offiziellen Testschwimmen. Wir haben uns für die Swimskins entschieden, da wir an das Schwimmen im Neo ja gewöhnt sind und es für den Fall eines Neoverbots etwas Sicherheit gibt, die Swimskins auch kurz getestet zu haben. Für Sven ist es sogar der allererste Versuch in dem ‚Badeanzug‘, wie er es nennt. Als wir dort ankommen, sind schon viele Athleten an der Alster und irgendwie erinnert es mich ein wenig an die Stimmung am Dig-Me-Beach in Kona. Eigentlich seltsam, wie locker alle sind, obwohl es morgen ja ans Eingemachte geht. Aber mir und Sven geht es da eigentlich genauso. Vielleicht kommt die Anspannung erst später…
Das Wasser in der Alster ist dunkel und man kann beim Schwimmen die Hand nicht vor Augen sehen. Das Ablesen meiner 500m Zwischenzeiten wird hier wohl schwierig, aber dann ist es wenigstens nicht so schlimm, dass meine neue Garmin im Wasser nicht so ganz zuverlässig ist. (Ich hatte mir die neue Uhr deswegen kurz vor dem Ironman geholt, weil die Akkulaufzeit meiner bisherigen Garmin nicht für mein ganzes Rennen gereicht hätte. Inzwischen habe ich ein paar Einstellungen verändert und die Anzeigen scheinen nun zu stimmen.) Nach ca.15 Minuten sind wir fertig mit unserem Testschwimmen. Es war uns nicht unangenehm und das Wasser kommt einem auch nicht dreckig vor, aber wir sahen schon etwas lustig aus. Einige dunkle Streifen im Gesicht und auch unter den Anzügen war noch etwas braun-grüne Farbe. Das kommt allerdings nicht von den Blaualgen, sondern davon, dass die Alster größtenteils aus einem Moor entspringt. Das Wasser ist eben von Natur aus dunkel. Am Ufer gibt es deswegen extra ein paar Duschen, die auch -wie uns vorher mitgeteilt wurde- am Renntag beim Schwimmausstieg vorhanden sein werden. Nochmals etwas Hawaii-Feeling!
Nach dem Schwimmen geht es wieder zurück ins Hotel, etwas ausruhen, die Beutel fertig packen, nochmal kurz hinlegen, das YouTube-Video mit Andreas Raelert zur Radstrecke ansehen und dann fahren wir mit den Rädern zum Bike-Check-In.

Beim Abstellen der Räder treffen wir unsere extra aus Bremen angereisten Supporter Wolfgang und Olaf. Wir hatten uns 2017 beim Tokio Marathon kennengelernt, die letzten Jahre immer mal wieder getroffen und angefreundet und so hatten die beiden entschieden, uns bei unserem großen Rennen zu unterstützen. Olaf war selbst schon zweimal in Hamburg am Start und Wolfgang inzwischen auch sehr triathlonaffin -ein paar Wochen zuvor waren wir mit ihm erst als Staffel in Roth unterwegs- so dass die Veranstaltung für die beiden fast so ein Highlight war wie für uns.
Außer den beiden würden wir am nächsten Tag auch noch andere Supporter an der Strecke haben. Lustigerweise alles Bekanntschaften von irgendwelchen Marathonreisen. Elli und Thomas, die in Hamburg wohnen, kennen wir aus London und Chicago und auch beim Marathon in London hatten wir Matthias kennengelernt, auf Hawaii ihn und seine Frau Astrid wiedergetroffen und nun waren sie nach Hamburg gereist, um eine Freundin zu unterstützen – und eben auch uns!
Am Ausgang der Wechselzone treffe ich beim Abholen des Zeitmesschips auch noch meine Liv Teamkollegin Martina, die hier als Volunteer im Einsatz ist. Ich freue mich so, sie zu sehen. Sie wird am nächsten Tag auch vor Ort sein und versuchen, mich so oft wie möglich anzufeuern. Olaf und Wolfgang warten schon am Ausgang der Wechselzone auf uns. Wir trinken noch ein alkoholfreies Bier auf der Expo zusammen und verabreden uns zum Pastaessen später bei uns im Hotel. Die ‚Henkersmahlzeit‘ schmeckt toll und wir haben einen schönen aber kurzen Abend. Ich dränge ein wenig darauf, das gemütliche Beisammensein dann doch zeitig zu beenden, denn die Nacht wird kurz…

 

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Das Rennen

Um 4:00 Uhr klingelt der Wecker am Renntag.
Meine Nacht war etwas unruhig und obwohl ich sonst eher zu den Langschläfern gehöre, bin ich sofort hellwach. Jetzt ist es also soweit…
Einer der Vorteile, im offiziellen Racehotel zu wohnen, ist, dass es ein echtes, großes Frühstücksbuffet gibt. Für mich heißt das helles Brot mit Nutella und dazu ein Kakao. Nochmal kurz ins Zimmer, den Beutel nochmal durchchecken und schon machen wir uns auf den Weg zu den Fahrrädern in die Wechselzone.

Der Start der Agegrouper findet ab 6:40 Uhr statt, die Wechselzone ist bis 6:15 Uhr geöffnet. Wir treffen um ca 5:15 Uhr dort ein. Genug Zeit, um die Verpflegung, den Tacho, die Toolbox usw. am Rad zu befestigen, die Reifen aufzupumpen und die Schaltung nochmal durchzuchecken. Dabei fällt mir auf, dass die Kette beim Hochschalten vom kleinen auf das große Blatt hakt. Also ab zum Bikeservice von D-Cycles. Ich bin schnell an der Reihe, doch als Johannes die Schaltung prüft, scheint alles in Ordnung zu sein. Auch ok. Dann also wieder zurück zu meinem Stellplatz. (Im Nachhinein wäre das Problem übrigens niemals eines geworden, da das kleine Blatt in Hamburg schlichtweg nicht benötigt wird. Aber das weiß man vorher ja nicht.)
Da die Wege weit sind und man durch die vielen Leute schlecht vorwärts kommt, ist nun gar nicht mehr so viel Zeit. Also schnell das Rad fertig gemacht und ab in die nächste Dixiekloschlange. Hier dauert es nochmal etwas länger, da es doch erstaunlich wenig Toiletten gibt. Gerade noch rechtzeitig vor Schließung der Wechselzone schaffen wir es noch kurz zu unseren Beuteln und dann schnell hinaus.

Inzwischen ist auch bekannt, dass Neo für Agegrouper erlaubt ist. Perfekt! Die 3,8km wären zwar auch ohne gut machbar, aber mit der Gummihülle bin ich schneller und spare mir auch Energie. Ich suche mir mit Sven eine ruhige Ecke und wir fangen an, uns für das Rennen fertigzumachen. Alles am Mann, was fürs Schwimmen gebraucht wird, alles andere in die weißen Beutel, die wir dann auch direkt abgeben. Auf dem Weg zum Start überlege ich, ob ein weiterer Dixiestopp möglich wäre, aber die Schlangen an den auch hier wirklich wenigen Toiletten sind zu lang. Das geht zeitlich nicht mehr. Dann eben nicht.
Wir reihen uns in die Startaufstellung bei 1:10-1:20 eher am hinteren Ende ein. Da wir ungefähr die selbe Schwimmleistung haben, können Sven und ich glücklicherweise die Zeit bis zum Start gemeinsam verbringen. War ich die ganze Woche über ruhig und nicht besonders nervös, ändert sich das jetzt kurz vor dem Rennen. Beim Gedanken an die riesige Aufgabe, die vor mir liegt, kommen mir sogar kurz ein paar Tränen. Ist irgendwie alles ganz schön viel gerade!
Zum Rolling-Start stehe ich direkt neben Sven. Dann geht es auch schon los. Ich schwimme ruhig, halte mich aus dem Gedränge raus und konzentriere mich nur auf mich. Ich finde keinen guten Wasserschatten, aber das macht nichts. Dauert dann eben etwas länger. Das Wasser ist dunkel, man sieht nicht einmal die Hand vor Augen, aber ich fühle mich wohl. Die Sonne scheint und die Atmosphäre ist toll. Ich sehe die Zuschauer am Ufer und schon ist es geschafft. Nach 1:20:22 bin ich aus dem Wasser und mache mich auf den Weg durch die längste Wechselzone der Welt…

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Zuerst passiere ich die Duschen. Um sicherzugehen, dass ich nicht auf allen Fotos des Rennens braun-grüne Striemen im Gesicht habe, werden die auch genutzt. Dann geht es weiter zu meinem Beutel und mit diesem ins Wechselzelt. Hier lasse ich mir etwas Zeit. Lieber langsamer und dafür nichts vergessen. Auf die paar Sekunden kommt es wirklich nicht an. Als ich fertig bin und aus dem Zelt laufe, entschiede ich mich dann doch noch für einen Dixiestopp. Wahrscheinlich müsste ich das heute sowieso irgendwann noch machen, dann lieber jetzt, als dass ich während dem Radpart stehen bleiben muss, weil die Blase drückt.
Dann weiter durch die ewig lange Reihe von Fahrrädern. Durch unseren AWA Status haben Sven und ich niedrige Startnummern und die Stellplätze nah am Ausgang. Mein Fahrrad muss ich nicht lange suchen, denn da stehen sie alle -meine Supporter- und brüllen in einer unglaublichen Lautstärke! Ich lächle und winke ihnen zu. Dann das Rad vom Ständer genommen und die letzten Meter bis zum Ausgang geschoben und ab geht es auf die Radstrecke…

In Hamburg bedeutet das 183km. Erst eine Runde durch den Hafen, dann am Deich entlang und dann das ganze nochmal. Bei Kilometer 3 ein kurzer Schreckmoment. Auf einem wirklich holprigen 100m langem Kopfsteinpflasterstück knackt mein Liv Avow plötzlich laut und ich höre ein Scheppern, als ob irgendetwas gebrochen wäre. Ist das Rennen etwa jetzt schon vorbei? Kurz darauf verschwindet das Geräusch aber wieder. Glück gehabt. Manch anderer steht an dem Punkt nämlich bereits am Straßenrand…
Kurz darauf machen mir noch einige Bahnübergänge das Leben schwer. Sie sind zwar mit Teppichen abgedeckt, aber ein großer Vorteil ist das nicht. Man erkennt so nämlich kaum, wie uneben die Schienen sind. Nämlich mehr als ich von daheim gewohnt bin. Viele Trinkflaschen und andere Dinge liegen sowohl beim Kopfsteinpflaster, das viermal zu überqueren ist, als auch bei den Bahnübergängen am Boden. Zum Glück hatte uns Olaf am Tag zuvor den Tipp gegeben, die Toolbox mit einem Klebeband zusätzlich zu befestigen. So muss man sich wenigstens darum keine Sorgen machen. Zwei meiner Flaschen gehen mir aber während des kompletten Rennens irgendwo verloren.

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Ansonsten gefällt mir die Strecke. Der Blick von der Köhlbrandbrücke ist spektakulär und geht es durch den Hafen noch etwas eckig und holprig, ist die Fahrt am Deich genau nach meinem Geschmack. Geradeaus und toller Bodenbelag. Ich freue mich, als ich Sven sehe, der mir am Deich entgegenkommt. Auf der zweiten Runde macht mir der Wind etwas zu schaffen. Die Fahrt bis zum Wendepunkt am Deich zieht sich diesmal, zurück geht es dafür schnell. Meine Wattwerte waren eher an der unteren Grenze meiner Vorgaben, dafür fühle ich mich immernoch gut. Aber jetzt noch einen Marathon laufen? Nach 6:28:33 geht es wieder auf den langen Weg durch die Wechselzone -wo Martina ganz überraschend auf mich wartet und mich anfeuert- und schließlich auf die Laufstrecke…

Jetzt also nur noch der Marathon… nur noch? Vier Runden gilt es zu absolvieren. Ich versuche, nicht an die gesamte Kilometerzahl zu denken. Erstmal eine Runde laufen…
An den Verpflegungsstationen gehe ich. Einerseits um genug zu kühlen, Gels und Getränke aufzunehmen, andererseits um immer wieder kleine Zwischenziele zu haben. Ansonsten bleibe ich aber beim Laufen. An der Strecke höre ich ständig meinen Namen. Nicht nur von bekannten Gesichtern. Der Name steht auf der Startnummer und da nur ca 10% der Teilnehmer weiblich sind, sticht man als Frau aus der Masse heraus und wird von den Zuschauern unglaublich unterstützt! Zusätzlich sind da natürlich aber auch wieder meine Leute von heute Morgen an der Strecke. Verteilt auf verschiedene Stationen, so dass ich mich in kurzen Abständen immer wieder aufs Neue darüber freuen kann, sie zu sehen. Und vor allem auch zu hören! Das ist zu dem Zeitpunkt so unglaublich wichtig für mich und ich bin dankbar, solch tolle Menschen vor Ort zu haben.
Auch Sven bekomme ich auf der Laufstrecke zweimal zu Gesicht. Beim zweitenmal bin ich mir nicht ganz sicher, ob er noch in seinem Zeitplan liegt, aber immerhin sieht er noch gut aus und wird das Ding sicher ins Ziel bringen.

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Nach der zweiten Runde hole ich mir meinen Special Needs Beutel mit meinen Gels für die zweite Hälfte und etwas Besonderem. Dem Zaubertrank. Diese Koffeinbombe war ein Tipp unseres Trainers. Sven hatte das Getränk schon bei seiner ersten Langdistanz in Roth genutzt und war begeistert. Also runter damit. Scheiße, ist das ekelhaft!!! Als der erste Schock wegen des Geschmacks überwunden ist, geht es mir die nächsten fünf Kilometer tatsächlich wieder richtig gut. Die Energie ist zurück! Aber eben nur bis die Wirkung wieder nachlässt.
Die letzten 15km werden hart. Ich denke an den Rat von Arne Gabius. Meter für Meter einsammeln! Make it count! Mir ist übel und die Beine werden auch langsam schwer. Aber jetzt aufgeben, weil es schwierig wird? Auf keinen Fall! Ein Halbmarathon geht doch eigentlich immer und so weit ist es ja gar nicht mehr! Tausend Gedanken an die man sich klammert und die einen über die Strecke bringen. Und irgendwann biege ich wirklich auf die Zielgerade ein…

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Auf meiner letzten Runde war es an der Strecke zeitweise schon recht leer, aber als ich um die letzte Kurve auf die lange Zielgerade biege, bin ich überwältigt. Ich weiß, dass es nicht so ist, aber es fühlt sich an als wären alle nur meinetwegen hier. So viele Menschen!
Die Stimmung ist unglaublich. Acht Monate Training und ein langer Tag liegen hinter mir und plötzlich bricht das alles aus mir heraus. Jubelnd und gleichzeitig tränenüberströmt laufe ich durch das Tor zu den Tribünen, klatsche mit Daniel Unger und Paul Kaye ab und höre die magischen Worte „You are an Ironman!“
Nach 13:27:38 ist es geschafft. Unglaublich!

Ich überquere die Ziellinie, bekomme von Kristina meine Medaille und falle Martina, die es schon wieder geschafft hat zur rechten Zeit am richtigen Ort zu sein, um den Hals. Ich weine und freue mich. Dieser Moment könnte ewig dauern! Alles ist perfekt!
Auf dem Weg zum Athletes Garden treffe ich Sven, Olaf und Wolfgang. Natürlich gibt es unglaublich viel zu erzählen. Schließlich hatte jeder von uns einen aufregenden Tag. Dabei erfahre ich, dass Sven mit 10:53:00 sein gesetztes Zeitziel leider nicht erreicht, aber immerhin eine neue persönliche Bestzeit aufgestellt hat, und sehe im Tracker auch meine Endzeit, die mich ein klein bisschen freut. Ich hatte die Zeit nicht genau im Blick, da ich mir ja keinen Stress machen wollte und hatte irgendwann während des Marathons nur mal grob gerechnet, dass ich unter 14 Stunden bleiben könnte, wenn ich tapfer so weiter mache wie bisher. So ist es natürlich noch besser! Aber eigentlich sind die Zeiten auch egal. Wir haben es beide geschafft und ein gutes Rennen gehabt. Und ich für meinen Teil hatte auch beinahe den ganzen Tag über Spaß!
Wir verabschieden uns von Olaf und Wolfgang, da die beiden ihren Zug nach Bremen kriegen müssen, und Sven begleitet mich das letzte Stück zum Athletes Garden. Dort angekommen hole ich zuerst mein Finishershirt und meinen weißen Beutel. Dann will ich etwas essen. Bei dem Versuch wird mir übel. Also erstmal duschen. Das warme Wasser macht die Sache auch nicht besser. Irgendwann beschließe ich, ein paar Sachen einzupacken, in der Hoffnung, dass ich später vielleicht etwas davon essen kann.
Im Vergleich zu manch anderen geht es mir aber gut. Die Sanitäter haben nämlich selbst hier im Athletes Garden immer wieder gut zu tun.

Wir wollen zur Finishlineparty. Da ich bestimmt nicht lange stehen kann und wir auf den Tribünen unmöglich einen Sitzplatz finden würden, gehen wir in Richtung Finishline. Vielleicht finden wir hinter der Ziellinie einen guten Platz. Es klappt und so sitzen wir ganz nah am Geschehen und können die Stimmung bis zum Ende genießen. Um 23:00 Uhr wird für den letzten Läufer zum Abschluss „In Hamburg sagt man Tschüss“ gespielt. Die Atmosphäre ist genial.
Eigentlich ist das Rennen jetzt beendet, aber von Seite der Moderatoren kommt eine Ansage… es sind noch drei Athleten kurz vor dem Ziel und es würde noch ungefähr fünfzehn Minuten dauern, bis auch diese am Rathausplatz ankommen. Das Publikum soll abstimmen, ob die Party solange weitergehen soll. Natürlich sind alle davon begeistert. Ganz großes Kino! Und so bekommen noch drei weitere Athleten, die an dem Tag über 16 Stunden gekämpft haben, ihr Happy End.

Danach ist dann wirklich Schluss. Sven und ich gehen Richtung Wechselzone um die Räder auszuchecken. Wir sind immernoch ganz überwältigt. Das war sie also…meine erste Langdistanz. Eine Gefühlsexplosion und wahrscheinlich einer der besten Tage meines Lebens. Ein großes Abenteuer!
Und es war ganz bestimmt nicht das letzte Mal…

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