London Marathon 2018

oder ‚Pain is just the French word for bread‘

Der London Marathon 2018 ist Geschichte. Und wir waren unter den Finishern, was zumindest bei mir diesmal nicht selbstverständlich war.

Unser Training startete nach einer kurzen Off-Season Anfang Dezember. Generelles Triathlon Grundlagentraining, wobei für Sven diesmal sowieso kein richtiges MarathonTraining geplant war, da er den Marathon zusammen mit mir laufen würde. Mein Training wurde ab Anfang März etwas lauflastiger und ab Anfang April wurden dann Schwimmen und Radfahren erstmal komplett außen vor gelassen.

Das seltsame war, dass ich nach einer neuen Halbmarathon Bestzeit im Januar und einem starken 20km Rennergebnis im Februar danach einfach keine Leistung mehr bringen konnte. Zwei Halbmarathons liefen katastrophal und auch im Training wurde es immer schwerfälliger. Am Ende gab es schon den Verdacht auf Übertraining, doch es blieb nur noch wenig Zeit zur Erholung, denn der London Marathon stand bereits vor der Tür.

 

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So reisten wir am Donnerstag morgens nach London an. Nachdem wir unser Gepäck ins Hotel gebracht hatten, ging es gleich wieder los zur Marathon Expo. Da wir beim Tokyo Marathon die Erfahrung gemacht hatten, dass das Merchandising schnell ausverkauft war, wollten wir diesmal so früh wie möglich da sein. Im Nachhinein war es außerdem eine gute Entscheidung, da es bei unserem Besuch noch recht leer war und wir nirgendwo Schlange stehen mussten. Am Freitag sah das wohl schon ganz anders aus.

Zuerst holten wir natürlich die Startnummern. Diesmal waren wir beide im selben Startbereich und in der selben Welle, so dass ein gemeinsamer Lauf ohne Probleme möglich sein würde.
Am Eingang der Expo dann gab es eine Aktion der Abbott World Marathon Majors. Dort konnte man auf einem übedimensionierten Laufband versuchen, über eine Distanz von 400m (also eine Sportplatzrunde) die Pace des aktuellen Marathon Weltrekords zu laufen. Erst haben wir uns nicht so recht getraut, aber dann siegte doch die Neugier. So stellte sich erst Sven der Herausforderung, bevor ich dann mein Glück versuchte. Und während Sven die Pace recht locker halten konnte musste ich -trotz Damenpace- am Ende doch ganz schön kämpfen. Beide waren wir uns aber auf jeden Fall einig, dass es eine unglaubliche Leistung ist, diese Geschwindigkeit über die volle Marathondistanz zu halten. Beeindruckend!

Danach wurde wieder einmal ausgiebig geshoppt. Die Auswahl war hierbei recht groß, kann aber bei weitem nicht mit New York mithalten. Uns wurde auch erzählt, dass am Freitag schon einige Sachen vergriffen waren, also lieber so früh wie möglich zur Expo gehen! Dann schlenderten wir noch durch die Messestände, nutzten die ein oder andere Fotogelegenheit, probierten das offizielle Isogetränk des Marathons und viele andere leckere Sachen. Am Ende holten wir noch unseren Goodiebag. Das Finisher-Shirt gibt es hier sinnvollerweise erst hinter der Ziellinie!

Am Abend gingen wir noch zu einem kurzen Treffen unserer Reisegruppe und dann schnell schlafen. Der Tag war lang und am nächsten Morgen ging unser Programm früh weiter.

Um 7:00 Uhr früh startete nämlich schon der Morgenlauf von Interair. Wie schon in Tokyo auch diesmal wieder mit Irina Mikitenko. Es ist schon etwas Besonderes, wenn man mit einer zweimaligen London Marathon Siegerin unterwegs sein darf. Und dass sie uns mit einer solchen Begeisterung von den Rennen in London erzählte, machte die Vorfreude auf Sonntag noch größer. Der Lauf ging vom Hotel aus in gemäßigtem Tempo durch den Hyde Park. Ein perfekter Lauf um sich nicht auszupowern und einfach nur die Beine zu lockern.

Da meine Beine aber schon seit zwei Wochen nicht mehr richtig locker werden wollten, versuchten wir, die restliche Zeit bis zum Marathon möglichst entspannt zu gestalten. So beschränkten wir uns den restlichen Freitag und den kompletten Samstag auf wenig Sightseeing und verbrachten viel Zeit in Cafés und im Hotel. Am Freitagabend gab es auch noch die übliche Willkommensveranstaltung von Interair. Mit vielen Informationen und Tips zum Marathon sowie einigen interessanten Fakten, die uns vom inzwischen nun 19-fachen London Marathon Finisher und daher absoluten Experten Uli Sauer unterhaltsam präsentiert wurden.

 

 

Am Morgen des Marathonsonntags klingelte unser Wecker schon um 6:00 Uhr. Am Vorabend hatten wir schon alles bereitgelegt, so dass wir uns entspannt fertig machen konnten. Kurzfristig änderte ich nur noch meine Entscheidung, welche Schuhe ich laufen würde. Chip befestigen nicht vergessen! Und schon ging es los zu einem kurzen Frühstück und ab zum Bus, der pünktlich um sieben am Hotel abfuhr.

Nach einer knappen Stunde Fahrt durch London erreichten wir das Startareal. Wir waren mit unserer kompletten Gruppe dem blauen Start zugeteilt, was wahrscheinlich nicht das schlechteste war, da dort auch die Elite ins Rennen gehen würde. Es gab eine kurze Sicherheitskontrolle und schon befanden wir uns auf einer weitläufig abgegrenzten Wiese. Man kam sich vor wie auf einem Festivalgelände und der Sprecher der laufenden Videoübertragung von allen Startbereichen sprach beim ‚Blue Start‘ auch immer von der ‚Beach Area‘.

Unser Start erfolgte erst um 10:22 Uhr, so dass wir es uns erstmal auf der Wiese gemütlich machten. Wir verfolgten die Übertragungen aus den anderen Startbereichen, kamen mit vielen anderen Läufern ins Gespräch, sahen den Start der Rollstuhlfahrer, der World-Para-Athleten und schließlich um 9:15 Uhr den Start der Elite der Frauen. Dann machten wir uns langsam selbst bereit.

Das heißt, alles rauskramen, was mit auf die Strecke sollte, die Beutel zum Abgeben bereitmachen, theoretisch ein letztes Mal zu den Dixies, Beutel abgeben und los zur Startaufstellung. Ich schreibe „theoretisch ein letztes Mal zu den Dixies“ weil ich -zu Svens Leidwesen- JEDE weitere Dixie-Möglichkeit ergreifen werde, die sich mir bietet. Der letzte Dixiebesuch in London war -wie auch schon in Tokio und Berlin- sogar nach dem Startschuss.

In London versuchten wir übrigens verpflegungstechnisch mal etwas Neues. So bekam jeder von uns vor dem Start 500ml Maurten320, so dass wir mit den Gels erst nach ca einer Stunde Belastung beginnen mussten. Das klappte auch sehr gut und wir werden das auf jeden Fall so beibehalten.

Trotz meiner Extra-Boxenstopps schafften wir es dann doch pünktlich über die Startlinie. Die Starts bei den Marathons bisher waren alle sehr unterschiedlich. Hier zeichnete er sich nicht durch eine besondere Sehenswürdigkeit aus, sondern durch die Masse an Menschen, die uns schon auf den ersten Metern zujubelte, als wären wir kurz vorm Zieleinlauf. Bei dieser Kulisse kamen mir schon fast die Tränen. Direkt hinter dem Start waren sogar Tribünen aufgebaut, auf denen die Zuschauer uns in mehreren Reihen hintereinander anfeuerten. Und auch danach Riss die Menge der Menschen nicht ab. Wie sollte das erst in der Innenstadt werden?

Aber bis dahin war ja noch ein weiter Weg!

Wir liefen also erstmal durch Wohngebiete im Vorort Greenwich. Die Straßen dicht gesäumt von Zuschauern. Bald stießen die Läufer vom grünen Start und etwas später die vom Roten Start zu uns und dann kam bei Meile 6 auch schon der erste Hotspot. Wir umrundeten das Segelschiff Cutty Sark und dort war dann wirklich die Hölle los. So viele Menschen! Was ein Lärm und was für eine grandiose Stimmung!

 

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Danach wurde es wieder etwas ruhiger. Naja, zumindest standen die Zuschauer nur noch in ein bis zwei Reihen am Straßenrand. Bei Meile 11,5 konnten wir unsere Supporter von Interair entdecken -und uns auch bemerkbar machen- und als nächster Hotspot stand uns kurz vor der Halbmarathonmarke dann die Tower Bridge bevor. Leider machten sich bei mir schon erste Schwierigkeiten bemerkbar und ich versuchte die Atmosphäre trotzdem so gut es ging zu genießen. Sven war natürlich noch frisch, ließ sich zurückfallen, lief wieder voraus, machte Fotos und kostete das Erlebnis voll aus. Es war auch einfach einmalig!

Dann hatten wir das Stadtgebiet erreicht. Also noch mehr Publikum! Mir gehen langsam die Superlative aus! Jetzt musste ich schon ziemlich kämpfen. Dass der Punkt heute kommen würde war mir schon vorher klar, aber ich hatte gehofft, dass es doch etwas später passieren würde. Nun gut, wenn die Beine nicht mehr wollen, muss man mit dem Kopf weiterlaufen…

Bis Kilometer 25 klappte das auch noch, dann musste ich aber auf der Halbinsel ‚Isle of Dogs‘ immer wieder Gehpausen einlegen. Das musste ich vorher noch nie bei einem Marathon und es tat mir für Sven so leid, aber es ließ sich leider nicht ändern. Immerhin waren wir dabei in guter Gesellschaft. In London sind dadurch, dass die meisten Teilnehmer für Charities unterwegs sind und viele keinen läuferischen Hintergrund mitbringen, immer sehr viele Fußgänger auf der Strecke. Diesmal vielleicht durch die Hitze bedingt sogar ein paar mehr. Es war immerhin der wärmste London Marathon aller Zeiten.

Irgendwann hatten wir dann die Schleife zurück zum Tower geschafft und es ging parallel zur Themse in Richtung Big Ben. In der Ferne konnte man schon auf der anderen Flussseite das London Eye erkennen. Teilweise waren jetzt in der Stadt so viele Zuschauer auf den Straßen, dass es für die Läufer an manchen Stellen recht eng wurde. Obwohl wir sehr langsam und immer wieder gehend unterwegs waren, mussten wir oft überholen, was nicht ganz einfach war. Alles war jetzt sehr mühsam für mich und ich war immer noch nicht sicher, dass ich das Ziel auch erreichen würde. Links und rechts an der Strecke saßen und lagen auch schon extrem viele Läufer, für die das Rennen vermutlich beendet war, während Sven mir immer weiter gut zuredete und mich zu motivieren versuchte.

Bei Kilometer 38 bekam ich auf einmal neue Energie. Es ging wieder leichter und ich konnte wieder durchgehend laufen. Nicht sehr schnell, aber es fühlte sich wieder machbar an.

Als wir dann am Big Ben rechts abbogen und endlich auf die Allee in Richtung Buckingham Palast kamen, war klar, dass es gleich geschafft war. Und da ich mich wieder gefangen hatte, waren auch immerhin die Sub5 gesichert. Seit einiger Zeit war Sven schon am Rechnen, ob das noch klappen würde. Eine vier wünschten wir uns schon als Ergebnis…

Die letzten 200 Meter vor dem Ziel waren dann sogar für mich wieder ein Genuss. Wir lächelten für die Fotografen, sogen die Atmosphäre in uns auf und ich hisste sogar noch meine kleine Bayernflagge.

Mit einer Zeit von 4:55:37 überquerten wir die Ziellinie. Mein bisher langsamster und schwierigster Marathon, aber wir hatten es geschafft und bekamen unsere Medaille! Und wir waren wieder einen Schritt näher an unserem großen Ziel, dem Sixstarfinisher!

 

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Langsam gingen wir durch den Zielbereich in Richtung des Treffpunkts unserer Interair-Gruppe. Wobei Sven mich eher etwas schleppte, weil es mir nicht ganz so super ging. Wir schafften noch einen Stop bei den offiziellen Fotos, holten die Finishershirts und Verpflegungsbeutel, aber dann musste ich mich kurz hinsetzen, weil mir ziemlich übel war. Nach einer kurzen Pause ging’s weiter zu unseren Kleidersäcken und dann endlich zum Treffpunkt.

Dort trafen wir auf andere Finisher unserer Gruppe, setzten uns an den Bordstein und es gab auch Dosenbier, um aufs erfolgreiche Finish anzustoßen. Was für ein schöner Moment! Etwas später machten wir uns auf den Weg ins Hotel. So schlecht es mir auch während des Marathon ging, jetzt waren die Beine komischerweise wieder frisch und auch Treppen waren gar kein Problem. So ging es aber nicht jedem und so konnte man -wie nach jedem Marathon- das unterhaltsame Schauspiel an den Eingängen zur U-Bahn beobachten. Teilweise rückwärts, seitlich oder in sonst irgendwelchen komischen Verrenkungen bewegten sich die meisten nach unten.

Im Hotel angekommen ging’s nur schnell unter die Dusche, aber Zeit zum Erholen hatten wir nicht. Es ging gleich wieder los in einen Pub, den Interair für unsere Finisherparty reserviert hatte. Dort folgte ein wirklich nettes Beisammensein. Jeder erzählte von seinen Erlebnissen an dem aufregenden Tag, es gab zu Essen und zu Trinken und eine Übertragung einer Dokumentation der BBC über den heutigen Marathon. Sven und ich wollten eigentlich nur kurz bleiben, am Ende gehörten wir zu den letzten, die sich auf den Heimweg machten. Der Abend war einfach zu schön!

Was bleibt uns vom London Marathon in Erinnerung? Menschenmassen an der Strecke, eine unglaubliche Stimmung beim Start, an der Tower Bridge und beim Zieleinlauf und die Erkenntnis, dass ich auch bei suboptimaler Vorbereitung in der Lage bin einen Marathon immerhin zu beenden. Denn wie hieß es so schön auf einem Schild an der Strecke: ‚Pain is just the French word for bread!‘

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