Der Schwimmstart beim Ironman Kalmar: Eigentlich alles wie immer… ich mit feuchten Augen und verzweifelt ob der Aufgabe, die da vor mir liegt. Was hab ich mir nur wieder dabei gedacht?
Wobei ich mich eigentlich auf das Schwimmen freute. Die Strecke ist unglaublich abwechslungsreich und versprach dadurch, sehr kurzweilig zu werden.
Um 7:06 Uhr ging’s für mich ins Wasser. Es war ein Rolling Start, aber etwas ungeordneter als sonst und auch mit mehr Leuten gleichzeitig als üblich. Trotzdem verlief alles sehr friedlich und entspannt.
Wir schwammen aus dem geschützten Hafenbecken raus in die Ostsee. Das war der etwas unangenehmere Teil, weil es durch den Wind dort schon recht wellig war und es dadurch auch unter den Schwimmern etwas unruhig wurde. Allerdings waren dort aber auch nur ca 1,5km zu schwimmen bevor es wieder Richtung Kaimauer ging, wo das Wasser geschützt und ruhig war. Außerdem waren dort auch, wie schon ums Hafenbecken am Start, massenhaft Zuschauer! Eine wahnsinns Stimmung!
Als nächstes musste man unter einer Brücke durchschwimmen und ich konnte dort tatsächlich Sven erkennen und ihm kurz zuwinken.
Davon beflügelt ging’s weiter. An der Küste entlang, um ein paar Felsen herum und dann weiter zur nächsten Brücke, nach der man dann schon den Schwimmausstieg erkennen konnte. Ich gab nochmal etwas Druck, fühlte mich die ganze Zeit über gut und stark und es würde trotz der Wellen da draußen insgesamt eine gute Zeit werden!
Am Schwimmausstieg die Rampe hoch und schon war der erste Teil geschafft! 1:16:07h Das war schonmal ein guter Anfang!
In der Wechselzone musste ich kurz nach meinem Beutel suchen, weil irgendjemand da alles durcheinander auf den Boden geworfen hatte, aber trotzdem war ich kurz später fertig und bereit für eine schöne Radausfahrt Richtung Öland…
Mit dem Rad ging es zunächst über die -sonst für Fahrräder gesperrte- Brücke rüber nach Öland. Auf der Brücke hatten wir ziemlich starken Seitenwind, aber das kannte ich ja schon viel extremer aus St. Pölten. War das wenigstens auch zu irgendetwas gut. Es störte mich also kaum und ich konnte die lange Abfahrt komplett auf den Aufliegern durchfahren.
Auf der Insel machten wir einen 90 Grad Turn nach rechts und hatten so erstmal wunderbaren Rückenwind aus Nordwest. Ein schöner Start! Außerdem war der Asphalt richtig gut. Sowas liebe ich ja!
Man war übrigens an der Radstrecke (auch später) so gut wie nie alleine. Keine großen Hotspots, aber überall kamen die Menschen aus ihren Häusern und feuerten lautstark an. Es war einfach nur toll!
Irgendwann ging’s dann allerdings wieder 90 Grad nach links. Wir mussten jetzt die Insel von Westen nach Osten queren. Der Asphalt auf diesem Stück war schlecht und mein Rad klapperte überall. Na Hauptsache, es hält! Der Wind hatte inzwischen auf Nordost gedreht und machte die Sache nicht einfacher.
Nächste 90 Grad Linkskurve. Es ging wieder zurück nach Norden. Und jetzt knallte der Wind direkt von vorne. Immerhin wieder auf gutem Untergrund.
Man überlegt dann schon, ob die 3min Zeitstrafe für Drafting nicht effektiver wären, als das alleine zu fahren, aber irgendwie fühlte ich mich nicht wohl dabei und ließ es doch sein. Manch anderer hatte da wohl nicht so das Problem (Beim Laufen fragte ich mich, ob das vielleicht dumm gewesen war, denn ich musste auf dem Teilstück viel investieren und die Kraft fehlte mir natürlich am Ende dann schon etwas. Aber, wie ein weiser Mann mal sagte: „Die Regels sind die Regels!“)
Irgendwann flachte der Wind tatsächlich etwas ab und schon war ich wieder an der Brücke und auf dem Festland angekommen. 120km waren geschafft, jetzt kam noch eine 60km Schleife Richtung Norden. Da hatte ich windtechnisch ziemlich Glück, denn auf dem Hinweg kam er zwar von vorne, war aber noch nicht so stark, auf dem Rückweg wurde er aber immer stärker und schob mich so geradezu in Richtung Wechselzone.
So konnte ich, obwohl ich zum Ende hin nachließ, meine erste sub6h auf dem Rad erreichen!
Die letzten 20km war mir allerdings schon etwas schwummrig und ich musste mich arg konzentrieren. Wie gesagt, der Rückweg auf der Insel hatte wirklich viel Kraft gekostet. So war ich gespannt, was der Lauf denn so für mich bereit halten würde…
Jetzt nur noch Laufen – und bloß nicht dran denken, dass das noch ein ganzer Marathon ist!
Erst ging es in einer kleinen Schleife durch die Stadt von der Wechselzone zum Ziel. Von da aus waren noch drei große Runden zu absolvieren. Sehr gemein, da man dreimal auf das Ziel zuläuft, dann aber rechts vorbei muss und erst beim vierten Mal darf man durch den Zielkanal laufen.
Nach dem Ziel ging es in der Stadt noch am Hafen vorbei und dann über eine der Brücken, unter der man morgens durchgeschwommen war, raus aus der Stadt Richtung Norden.
Dass in der Stadt die Zuschauer dicht gedrängt waren und man von der Atmosphäre getragen wurde, war abzusehen. Aber was in den Wohngebieten außerhalb des Stadtzentrums auf einen wartete, war einfach unglaublich! Wenn ich das schreibe, bekomme ich vor Begeisterung gleich wieder feuchte Augen.
Ich schätze mal, wenn man in Neptunus, der Siedlung im Norden von Kalmar, ein Haus kaufen will, gilt es erstmal nachzuweisen, dass man eine große Musikanlage besitzt, dass man einmal im Jahr massenweise Freunde mobilisieren kann und was man sonst noch für Ideen für ein Mega-Stimmungsnest hat. Und genau so muss man sich dann diese nördliche Schleife auf der Laufstrecke vorstellen!
Die ersten zehn Kilometer konnte ich tatsächlich gut mein geplantes Tempo laufen. Dann machte sich aber bemerkbar, wieviel ich beim Radfahren investiert hatte. Ich wurde etwas langsamer, brach aber zum Glück nicht vollkommen ein. Vom Gefühl her, wares zum Ende der ersten Runde aber schon recht schwierig.
Die zweite Runde hangelte ich mich tatsächlich von Musikbox zu Musikbox und erfreulicherweise lief überall etwas, was mich motivierte und was auch definitiv den Weg auf meine Trainings-Playliste gefunden hätte. Die Runde konnte ich trotz der Mühe auch wirklich sehr genießen!
Die dritte Runde war aber eine Qual. Ich wusste, dass ich auf Kurs SUB12 Stunden war und wollte das auch unbedingt erreichen. Seit dem kleinen Einbruch Ende der ersten Runde lief ich auch recht konstant, also jetzt nur nicht nachlassen!
Bei Kilometer 30 wollte ich kontrollieren, was für eine Pace denn mindestens nötig wäre, aber beim Blick auf die Uhr musste ich feststellen, dass diese schlapp gemacht hatte. Akku leer. Na toll!
Ich informierte Sven, der immer wieder am Streckenrand supportete, dass ich Zeiten und Distanzen brauche. Kilometerschilder gab es ja nur sehr unregelmäßig und selten.
So gab er sein Bestes, um mich ab da noch öfter zu sehen – nicht ganz einfach bei den Massen an Zuschauern!
Am Ende kann man eh nicht mehr tun, als der Körper noch bereit ist zu geben. Ich pushte einfach so gut es ging.
Aber sogar als Sven mir an der Brücke, die wieder nach Kalmar hineinführte zurief, dass es nur noch 1,5 Kilometer wären und ich noch mehr als genug Zeit hätte, traute ich dem Frieden nicht.
Das sind doch niemals nur 1,5 Kilometer!
Dann verging der Abschnitt aber doch schneller als gedacht und ich bog auf die, von Menschen gesäumte, ewig lange Zielgerade ein.
Beim Ironman Kalmar umfasst die Zielgerade eine komplette Straße in der Innenstadt, an deren Ende auf dem Stortorget der Zielbogen steht.
Am Anfang der Straße gab ich -motiviert von den vielen Zuschauern- nochmal Gas. Komisch, am Ende scheint der Körper doch immer noch irgendwo etwas Energie auftreiben zu können.
Die Stimmung war gigantisch! Und das obwohl ich zu einer Tageszeit einlief – lange nach den Profis, aber auch lange vor der Finishlineparty am Abend – wo üblicherweise eigentlich etwas weniger los ist.
Ich überquerte die Finishline während Paul Kaye rief: „You are an Ironman!“, und wusste, dass ich mein persönliches Ziel erreicht hatte! Ein Finish unter 12 Stunden! 11:53:33h
Überglücklich fiel ich im Ziel einer anderen Athletin um den Hals, die auch gerade dabei war, ihr Finish zu verarbeiten. Wir kannten uns nicht, aber irgendwie ist sowas ganz normal bei einer Langdistanz.
Dann sah ich Sven an der Absperrung des Zielbereichs und er sorgte dann für meinen schönsten Moment: „WAS WAR DAS FÜR EIN RENNEN?!“
Und die Begeisterung, mit der er mir das entgegenrief, machte mir erst richtig klar, wie cool das eigentlich war.
Es ist nicht selbstverständlich, dass man gut durch die Vorbereitung kommt und auch nicht, dass man es gesund an die Startlinie schafft. Und dann braucht es noch einen guten Tag und es darf auch nicht viel schief laufen, damit man so nahe an das persönliche Optimum herankommt.
Dass all das diesmal funktioniert hat, ist schon unglaublich.
Das Rennen in Kalmar war vielleicht meine schönste Langdistanz bisher. Tolle Stimmung von Anfang bis Ende, super Bedingungen und dann noch gekrönt von einer guten Performance!
Und wenn man sich oft im Training – und im Rennen – fragt ‚Warum mach ich das eigentlich?‘
Dann ist genau das die Antwort! Finishlinefeelings!








